GEH IN DIE BERGE UND SCHWEIGE,
Lausche der Wolke, dem Gang
Säuselnder Böen, verneige
Dich vor des Windes Gesang.

Nicht bloß sei hörig den Noten,
Öffne dich frei der Nuance.
Kolkraben, heitere Boten,
Lehren dich Kühnheit und Tanz.

Sieh auch das Kunstwerk der Spinne,
Faden, der niemals zerrinnt,
Webe im Wirrsal der Sinne,
Pfad aus dem Hirn-Labyrinth.

Lies aus den Wolfsspuren deine
Künftige Richtung und spring
Mit der Gams gipfelwärts, kleine
Höhen sind dir zu gering.

Lerne im Schatten von Bäumen
Wieder zu beten und dann
Lächelt aus atmenden Träumen
Antlitz der Kindheit dich an.

Wandle zurück zur Legende.
Schicksal und Fluch dich erfreu –
Märchen mit bitterem Ende
Trennen den Weizen von Spreu.

Finde die heilige Quelle
Unter vergessenem Stein,
Trinke das Blut und die Helle
Aus einem früheren Sein.

Durstig bleib! und dich bemühe
Weiter um Fährnis, Essenz,
Daß deinen Wegen erblühe
Schritt um Schritt fruchtbarer Lenz.

Grabe nach seltenen Samen
Selbst in verworrenster Klamm,
Meide geschiedener Namen
Sterbende Fratzen im Schlamm.

Schürfe die Erze der Zwerge,
Unmutes Felsen zerbrich,
Tief in den Adern der Berge
Findest du, Wanderer, dich.

Laß alte Bilder verschwimmen,
Steig auf der Gipfel Altar,
Sieh in den Schneewehen glimmen,
Silbern, der Saligen Haar.

Flechte daraus deine Freude,
Dasein, von dauerndem Seil.
Keine Sekunde vergeude,
Fliege als lachender Pfeil

In deines Himmels Vertrauen,
Erster, im Sonnen-Spalier,
Noch loht der Blume, der blauen,
Elmsfeuer segnend in dir.

Geh in die Berge und schweige,
Schweige und höre nur zu,
Geht auch der Tag bald zur Neige,
Flüstert die Nacht: „Das bist du!“

© Uwe Nolte, 2013
Aus der Sammlung Wilder Kaiser