ICH BIN DICHTER!

Vogelfrei bin ich geboren,
Gut beschirmt vom Lilien-Ger,
Treue habe ich geschworen
Meinem Herzen, auserkoren,
Ganz in Sonnenglast verloren:
Ich bin Dichter – wer ist mehr?

Masken habe ich erlitten,
Masken liebten mich und wer
Mir zu nah kam, hat zerschnitten
Sich und mich, oft ohne Bitten,
Unter Uhren-Marsches Tritten:
Ich bin Dichter – wer trägt mehr?

Immer war ich wichtig, selten
Arm an Träumen, tatenleer,
Meine Verseränke gelten,
Seit die Himmel meiner Welten
An dem Trug der Zeit zerschellten:
Ich bin Dichter – wer schuf mehr?

Ich kann in der Schlacht verbluten,
Zwischen Freunden, wundenschwer,
Jammern, leiden mit den Guten
Oder froh in Abendgluten
Hagens Hort im Wein vermuten:
Ich bin Dichter – wer wagt mehr?

Manchmal seufze ich um einen
Käfer, tot am Boden, sehr,
Hebe ihn an seinen Beinen
Auf, die so zerbrechlich scheinen,
Streichle zärtlich sie, muß weinen:
Ich bin Dichter – wer fühlt mehr?

Eins mit Allem will ich werden,
Sieden in des Sehnens Teer,
Unio Mystica auf  Erden
Haben, ohne Sinn-Beschwerden,
Fern den Hirten, fern den Herden:
Ich bin Dichter – wer will mehr?

Wenn die Asche meiner Tage
Still verweht, von Wiederkehr
Ganz befreit und auch von Klage,
Schwebe ich in Sternen-Waage
Und es raunt vom Raum der Sage:
Ich bin Dichter – wer war mehr?

© Uwe Nolte, 2014
Aus der Sammlung „Du warst Orplid, mein Land!“